Mikrokredite in Supe: Wie läuft's?

Zur Erinnerung sei nochmals erwähnt, dass die ersten Mikrokredite im Gesamtbetrag von Fr. 2520.-- im Frühling 2011 an 9 Personen vergeben wurden. Ich war damals wirklich sehr gespannt und kann eine gewisse Skepsis nicht verleugnen, ob alle „Mikrokredit-Besitzer“ ihren Kredit rechtzeitig und vollständig zurück zahlen würden. Nach nicht einmal einem halben Jahr hat sich dann tatsächlich - und hoffentlich nicht typisch - ein Mann "aus dem Staub gemacht". Den noch ausstehenden Betrag wurde dann teilweise durch die anderen Mitglieder der Mikrokreditgruppe beglichen. Übrig blieb nach einem Jahr, und damit nach Ablauf der Rückzahlungsperiode, ein Fehlbetrag von knapp hundert Franken und auf der Haben-Seite viele glückliche und zufriedene Gesichter. Ich war positiv überrascht und es hat mich sehr gefreut, dass dies die einzige Enttäuschung im ersten Jahr mit den Kleinstunternehmern war. Alle anderen MikrokreditnehmerInnen konnten einen in unseren Augen sehr bescheidenen, aber für sie einen sehr wertvollen und nützlichen Verdienst erwirtschaften.


Als kritischer Faktor während dem ersten Jahr hat sich die Unterstützung und Leitung (Inkasso) vor Ort heraus gestellt. Und so mussten wir in diesen zwei Bereichen auch einige personelle und organisatorische Veränderungen vornehmen. Zudem hat sich meine Vermutung bestätigt, dass sich mit fairen Bedingungen  für die Mikrokreditnehmer (7% Zins) die Aufwendungen für Wechselkurs- und Währungsverluste einerseits sowie Verwaltungs- und andere Kosten andererseits nicht decken lassen, geschweige denn, einen Gewinn zu erzielen! 

Aus meiner Sicht und Erfahrung ist aber der wirkliche Sinn von Mikrokrediten nicht, reiche Menschen noch reicher zu machen, sondern die Armut zu verkleinern und die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von Ärmsten zu erhöhen, und dies darf auch etwas kosten, bzw. soll uns etwas Wert sein!

Im Herbst 2011 hat Learning for Life einer zweiten Gruppe mit acht Personen einen Mikrokredit von total Fr. 2120.-- vergeben. Wie mir Zemenu Lemma Demilew, der verantwortliche Kassier des Mikrokredit-Projektes bestätigt, wurden bis anhin alle Rückzahlungsraten rechtzeitig und vollständig zurück erstattet und die Kleinstunternehmer optimieren ihren Geschäftsgang und Geschäftssinn laufend und die daraus erzielte Rendite stetig.

Zur Zeit werden die Mikrokreditgesuche einer dritten Gruppe von Learning for Life geprüft, damit rechtzeitig im Herbst, wenn die Kaffeeernte beginnt und die Bewohner in Supe und Umgebung über Einkommen verfügen, „die angehenden Selbständigen“ mit ihren Waren bereit sind Geschäfte zu machen. Es scheint, dass mit jeder neuen Gruppe der Aufwand an Schulung und Instruktion im Zusammenhang mit den Mikrokrediten sinkt sowie die Selbstständigkeit und das Einbringen von eigenen Ideen der Gruppenmitglieder zunimmt. Nach wie vor muss jede Person, die ein Darlehen erhalten will, 20% des Kredites als Spareinlage und Sicherheit einzahlen sowie zusätzlich 7% Zins auf die wöchentlichen Rückzahlungen leisten.
Die meisten Kredite wurden bisher verwendet für den Handel (Kauf / Verkauf / Anbau und Ernte / Produktion) mit Schuhen, Kleidern, Haushaltsartikeln, Getreide, Kaffee, Backwaren und Gewürzen.

Bei unserem Treffen im Mai wurde zudem eine neue Idee von der Mikrokreditgruppe eingebracht. Die Kleinstunternehmer wollen in Supe gemeinsam einen Laden eröffnen, wo sie Ihre Waren täglich vor Ort – und nicht nur auf dem lokalen Markt und den benachbarten Märkten – verkaufen können. Wir haben über die Machbarkeit diskutiert und Learning for Life ist grundsätzlich bereit, bei der Realisierung dieses Vorhabens behilflich zu sein. Für eine definitive Entscheidung und Unterstützung benötigen wir aber noch detaillierte Information über die Möglichkeiten und das Vorgehen zur Umsetzung. Zweitens muss eine Person, die Englisch spricht, als „Chef“ bestimmt werden, der als "Brücke" zwischen uns und den Involvierten vor Ort dient!

Es macht mir den Anschein, dass sich so langsam aber sicher das ganze Mikrokredit-Engagement mit positiven Auswirkungen für die Menschen in Supe zu etablieren beginnt.
Und so vielschichtig wie die Ursachen für die Armut sind, so unterschiedlich und passend müssen auch die Massnahmen für die Verbesserung der Lebensbedingungen der bedürftigen Menschen sein. Dazu braucht es unter anderem auch Mikrokredite als notwendiges und kleines Puzzle-Stück, um das Bild der ganzheitlichen Unterstützung vollständig und verständlich – „erlebbar wirksam“ - werden zu lassen.